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Mendoza

IMG_2621All you can eat in Mendoza. „Weißt Du noch“ sagt Nick, mit drei Fingern hält er ein knusprig angebratenes Hühnerbein und er kaut zwei Mal bevor er weiterspricht. „Wir wollten die Donau hinunter, in einem Kajak. Wir wollten bei uns vor der Tür ins Wasser steigen, nur eine abgewetzte rote Plastiktonne für unsere Sachen und ein Boot voller total verrückter Phantasien. Wir wussten nur, dass sie lang ist und dass sie ins Schwarze Meer führt. Über die Länder dazwischen wussten wir nicht viel, nur dass es schwer ist, über die Grenzen zu kommen. Wir hatten uns sogar überlegt, wie wir über die Grenzen kommen, über den eisernen Vorhang, den wir uns weder als Vorhang und schon gar nicht eisern vorstellen konnten. Wir wollten unsere Kajaks umdrehen und mit Schlamm und Pflanzen verkleiden, wie einen Stamm oder schwimmendes Schilf. Unsere Köpfe wollten wir in die Öffnung zum Sitzen stecken, so dass wir Luft haben und langsam vorbeitreiben können, an den Grenzern, von denen wir uns vorstellten, dass sie riesengroß waren und mit Maschinengewehren bewaffnet an den Ufern stehen und aufpassen, dass nicht zwei Jungs im Kajak vorbeikommen, auf dem Weg ins Schwarze Meer.“ Ich sehe Nick an, während er spricht und kaut und esse selbst ein Hüftsteak vom Rind, argentinisches Rind, ausgezeichnet. „Totgerudert hätten wir uns“ sage ich „auf den langen, flachen Stellen fast ohne Strömung hätten uns die Arme und Schultern wehgetan und schließlich auch der Rücken, vom Sitzen im Kajak und unsere Hände wären aufgeweicht gewesen und runzlig. Aber wir hätten weitergemacht. Hätten auf Inseln geschlafen, Pausen auf schönen alten Brücken gemacht und uns in der Sonne getrocknet“ – „Du hast Huhn im Bart“ sagt Nick, kratzt Pudding aus einer Schüssel. „Ob es geklappt hätte“ frage ich, während ich, obwohl es schon drückt, mit der Gabel gerilltes Fleisch und Zwiebeln von einem Spieß auf den Teller schiebe. „Bestimmt nicht“, meint Nick, „aber jetzt werden wir es nicht mehr raus finden“. Marion sagt: „Die Donau ist immer noch da“ und ich: „Aber die Länder nicht mehr oder nicht mehr so wie damals und damit ist es auch nicht mehr das Gleiche“.– „Stopf dich doch nicht mit Reis voll,“ unterbricht mich Marion, „das Entscheidende ist“, sagt Nick, mit einer kleinen Pause in der er sich einen Löffel Vanilleeis in den Mund schiebt und den Knopf seiner Hose öffnet, „ich empfinde das heute nicht mehr als Traum. Ich würde es nur machen, in dem Glauben, etwas nachholen zu müssen. Aber man kann es nicht nachholen. Nicht weil die Donau nicht mehr durch Jugoslawien fließt und weil keine bewaffneten Männer am Ufer stehen, die mir Angst machen. Nicht weil es jetzt viel zu einfach ist und weil es jeder kann. Der Traum ist weg. Wenn ich heute am Kanal sitze und aufs Wasser schaue oder große Schiffe vorbeikommen, denke ich andere Sachen, wünsche ich mir ganz andere Sachen.“ Er legt den Löffel weg. „Mir ist schlecht“. Er steht auf, geht. „Sicher, dass bei ihm alles in Ordnung ist?“ fragt Marion. „Ich weiß es nicht“ sage ich, „ich weiß nur, dass wir damals der Donau ins Schwarze Meer gefolgt wären, hätte einer von uns gesagt schau, hier sind die Kajaks, hier ist die rote Tonne, so weit kann es nicht sein.“ Sie fragt mich, ob ich ihr halbes Schnitzel noch essen möchte, schiebt es mir hin und stößt ungewollt auf. „Fährst Du mit mir die Donau runter, im Kajak“ frage ich. „Jetzt gleich?“ fragt sie.


Zakopane

Häuser haben spitze Dächer. Schnee findet dort keinen Halt und in den Giebeln, wo warme Luft sich sammelt, die Schlafzimmer. In der Fußgängerzone reihen sich Cafés und Restaurants aneinander, am Ende der Fußgängerzone der Markt, Menschen mit Zeit, schweifende Blicke. Besonders beliebt im Winter: dicke handgestrickte Pullover aus Schafwolle, Mützen und Handschuhe. Im Sommer sitzt man draußen, trinkt Bier oder schlendert mit einer Getränkedose in der Hand an Schaufenstern entlang. Das ganze Jahr beliebt sind wuschelige Hunde in Pappkartons. Sie werden von jungen, bärtigen Männern verkauft, die immer eine Zigarette im Mundwinkel haben. Heute sind die Berge sanft, Fenster geöffnet, Wäsche trocknet in leichtem Wind auf Balkonen, dünne Pullover liegen lose über Schultern, sind um Hüften gebunden. Du bleibst an Holzbuden stehen, drehst kleine Porzellantassen und Holzschnitzereien in Deinen Händen. Ich bin geduldig, die Berge lenken mich ab, der Wunsch nach einem Gipfel. Ich stelle mir das Geräusch eines kullernden Steins vor, und dass die Luft kalt und klar ist. Wie sich nach dem Aufstieg langsam die Atmung beruhigt. Auf einen Felsvorsprung würde ich mich setzen, die Beine hängen müde über der Tiefe, den Rucksack habe ich abgesetzt. Kleidung klebt auf der Haut, der Wind trocknet den Schweiß, es wird kühl. Ich balle die Hände in meinen Taschen zu Fäusten. Du hältst mir einen Nussknacker vors Gesicht, er sieht aus wie Stalin. “Schau mal, wie schön” sagst Du und ich nicke nur. Nicht weil ich Stalin schön finde. Bis ich von meinem Felsvorsprung wieder bei Dir ankomme hast Du Stalin schon bezahlt.

Am Abend sitzen wir auf der Terrasse. Du trägst ein langes Kleid mit Blumen, rot in rot. Eine von diesen Ketten, die immer im Weg sind, wenn Du Dich über den Tisch beugst, die im Bier hängen, im Kaffee, in Schlagsahne. Ich stopfe Stalin eine Walnuss in den Mund und drehe an dem Griff an seinem Hinterkopf. Die Nuss zersplittert völlig. “Vielleicht hätten wir doch Gorbatschow nehmen sollen” sagst Du. Lächelst. Lehnst Dich zurück, legst die Füße hoch. Siehst in die Berge. Ich sehe auch in die Berge, greife nach meinem Bier. Ob Du weißt, wie es da oben in den Hütten riecht, wie eine heiße Suppe dort oben schmeckt, wie es sich anfühlt, hinab zu sehen? Wie es sich im Zelt übernachtet, wie der Wind klingt, wenn er sich um die Gipfel schiebt und wie Sterne in tiefschwarzen Nächten funkeln? Du hast über die Berge immer so gesprochen, als könntest Du, wenn Du nur wolltest. Du hast immer gesagt, leise und zwischen den Zeilen: “Wenn Du es willst, dann gehe ich mit Dir da hoch. Ganz hoch.” “Geht´s Dir gut” fragst Du, fütterst Stalin mit einer Nuss, drehst, suchst das Essbare in den Splittern und reichst es mir. Ich nicke, nehme einen Schluck, frage mich, ob ich mich daran gewöhnen kann, hier unten zu sitzen. Der Wind wird hinunterfallen bis ins Tal und man kann auch hier die Sterne sehen. “Wo fahren wir als nächstes hin”, frage ich Dich. Du zuckst mit den Schultern: “Ist mir egal”, sagst Du. “Budapest, Lemberg, vielleicht Danzig.”